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13.10.2013

Leitbild Inklusion – Personenzentrierte Steuerung der Eingliederungshilfe in Hessen

Michael Thiele

Vernichtet, verleugnet, vergessen, neu entdeckt. Bedürfnisse erkannt, integriert und nunmehr inkludiert. Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft.


Zwar lernte ich vor 40 Jahren an der Universität, dass jeder Mensch, egal wie schwer er behindert ist, lern- und entwicklungsfähig ist. Die Welt, in der Menschen mit Behinderung leben mussten, war damals jedoch alles andere als förderlich für ihre Entwicklung. Die meisten Behinderten lebten nach dem Krieg in einigen großen Einrichtungen, Anstalten oder in ihrer Familie. Die Nachkriegsgesellschaft verdrängte die bis 1945 praktizierte Euthanasie und diese Verdrängung hatte zur Folge, dass auch die täglichen Probleme der Menschen mit Behinderung verdrängt wurden. Erst mit dem Entstehen von Elterninitiativen wie der Lebenshilfe rückten diese Probleme in das Bewusstsein der Gesellschaft. Es entstanden erste Einrichtungen und Dienste.


Der Weg war lang. Heute scheint es selbstverständlich, dass jeder Mensch mit Behinderung über ein komplexes, differenziertes auf ihn zugeschnittenes Hilfeangebot schauen kann.


Wichtige Zäsur war das Jahr 2008, in dem die UN-Behindertenkonvention in Kraft getreten ist. Folgende Punkte: unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft, Arbeit und Beschäftigung, angemessener Lebensstandard und sozialer Schutz, Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport wurden unter dem Namen Inklusion subsumiert.


Das Thema der Inklusion ist nunmehr von der Bundes- und Landes- auf der kommunalen Ebene des politischen Handelns in die Umsetzung gekommen. Ziel der Inklusion ist die selbstverständliche und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens als gleichberechtigte Bürger.


Mit der Verabschiedung des Leitbildes Inklusion durch die Verbandsversammlung versucht die politische Ebene zu den verschiedenen Handlungsfeldern des LWVs Empfehlungen zu einem inkludierten Leben von Menschen mit Behinderungen in der Mitte unserer Gesellschaft zu geben. Es geht in erster Linie um den Abbau von Barrieren.


Für die Gesellschaft bedeutet Inklusion einen Gewinn, da das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen das Leben bereichert, seine Vielfalt erlebbar macht und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.


Von den Anfängen mit statischen Personalschlüsseln, eingeschränkten Lebensbedingungen haben wir uns heute sehr erfolgreich zu einem ausgesprochen differenzierten System der Hilfen für Menschen mit Behinderung durchgekämpft. Trotz weiterhin steigender Fallzahlen schaffen wir es, die Kennziffern zu verbessern. Heute leben nunmehr über 50 Prozent der Menschen mit Behinderung im Betreuten Wohnen.


Und dies, meine Damen und Herren, ist und bleibt kein Selbstläufer.


Mit dem Aufbau gemeindenaher Versorgungsstrukturen, dem Blick auf die Bedarfe des Einzelnen und der Einbindung entsprechender sozialräumlicher Hilfestrukturen, ist ein schrittweiser Prozess in Gang gesetzt, der ein auf die einzelnen Personen hin ausgerichtetes Dreiecksverhältnis zwischen betroffenen Hilfeempfänger, den Maßnahmeträgern sowie den Kostenträgern hergestellt hat. Im Mittelpunkt stehen nunmehr die Wünsche, Ziele und Unterstützungsleistungen, welche der einzelne Mensch mit Behinderung braucht.


Der Prozess des Aufbaus der Versorgungsstrukturen ist das, was im Rahmen von der Personenzentrierten Steuerung der Eingliederungshilfe in Hessen (PerSEH) weiterentwickelt wird – mit dem Ziel, die Steuerungsfähigkeit, die Transparenz und die Zufriedenheit weiter zu optimieren. Die Individualisierung der Hilfen hat nicht nur ein Mehr an Lebensqualität und Humanität zur Folge, sondern erhöht auch die Effizienz der Betreuung und damit auch die Effizienz des Mitteleinsatzes. Diesen Weg weiter voran zu treiben haben wir heute zu entscheiden; es ist kein Weg, der im Einzelnen vorgezeichnet ist, sondern wir beschreiten bekanntermaßen Neuland. Neuland, in dem Risiken abzuwägen sind, und unsere Schritte immer wieder neu justiert werden müssen.


Doch die Erfahrungen aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Dies macht uns Mut für die Zukunft, für die Gestaltung der Zukunft.


Wir sind fest davon überzeugt, dass es den Trägern der Maßnahmen und Hilfen sowie den Kostenträgern und den Betroffenen, unter Berücksichtigung des jeweiligen Sozialraums gelingt, Hilfeplankonferenzen und Hilfearrangements in einem abgestimmten Prozess gemeinsam zu definieren, Ziele und Maßnahmen immer wieder neu zu hinterfragen und feinzujustieren und damit ein modernes EDV-gestütztes System der Hilfeplanung und Evaluation zu etablieren.


Mit dem Entschluss der Verbandsversammlung, den PerSeh-Prozess weiter voranzutragen, treffen wir die Entscheidung, den erfolgreichen Weg des LWVs, welchen er zusammen mit den Selbsthilfeorganisationen und den Maßnahmeträgern geschritten ist, weiter fortzusetzen. Bündnis 90/Die Grünen sehen in diesem Prozess die politischen Ideale der Schaffung einer humanen Welt als ständige Herausforderung an Gesellschaft und Individuum verwirklicht.


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